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Flaschenpost: Über das Weltbürgertum Wo stehen wir heute?

Flaschenpost: Über das Weltbürgertum

„In gewissem Sinne sind wir bereits Weltbürger – sind es immer gewesen" schreibt Conny in dieser Flaschenpost aus Belize.

Vor kurzem traf ich in einem kleinen Café in Placencia/Belize zwei neuseeländische Segler, die, wie sich herausstellte, eigentlich Schweizer waren und der Mann gebürtiger Franzose. Er besitzt drei, seine Frau zwei Staatsbürgerschaften und damit auch Pässe.
Von anderen deutschen Seglern erfuhren wir, dass ihre Kinder auch zwei Pässe haben, einmal einen Schweizer Pass mit dem Nachnamen der Mutter und einmal einen deutschen mit dem des Vaters!
Mit zwei Amerikanern, die eigentlich Türken sind - er ist in Deutschland aufgewachsen und hat in den USA eine Firma aufgebaut - verhält es sich ähnlich.
Ich steuerte bei, dass wir in Österreich keine zweite Staatsbürgerschaft annehmen dürfen, ohne die österreichische zu verlieren. Nur in Ausnahmefällen kann bei uns eine Doppelstaatsbürgerschaft zustande kommen. Gut oder schlecht? Oder egal?

Nun haben Fahrtensegler sowieso einen globalen Zugang und daher waren alle rasch derselben Meinung, dass in einer Welt, die sich gegenseitig ökonomisch, ökologisch, sozial und finanziell beeinflusst, in der alle Staaten vice versa Schulden haben – das nationale Denken irreal ist. Vielmehr geht es in die Richtung eines Weltbürgertums, in dem alle miteinander vernetzt sind.
Ökonomisch und ökologisch sind wir das mehr als uns lieb ist. Mental leider noch nicht.

„Der kritische Geist ist ein Kosmopolit"
(Dr. Fritz P. Rinnhofer)

Es gab immer wieder helle Momente, in denen Menschen bewusst wurde, dass wir eigentlich nur eine Erde haben und uns gemeinsam darauf friedlich tummeln sollten. In der Antike war es unter anderem Seneca, der den Kosmopolitismus vertrat und damals schon für die Notwendigkeit des Zusammenhaltens aller Menschen als Mitbürger ihrer Heimat „Erde" plädierte.
Ihm folgten in der Renaissance viele nach und Immanuel Kant sieht etwas später den Kosmopolitismus als regulatives Prinzip, dessen Vollendung nur durch fortschreitende Organisation der Erdbürger in (...) einem System, das kosmopolitisch verbunden ist, erwartet werden kann.

Was zeichnet einen Weltbürger aus?
Nach Kant war es Mündigkeit, Vernunft und Willensfreiheit... heute würde ich sagen: Selbstverantwortung und Verantwortung gegenüber der Welt.

Nach dem zweiten Weltkrieg war das Weltbürgertum ein großes Thema. Der staatenlose Weltbürger Nr. 1, Garry Davis, ein ehemaliger US-Bomberpilot, besetzte 1948 das Gebäude der UN-Generalversammlung in Paris und initiierte damit großes Aufsehen bei Intellektuellen, Presse und Politik. Albert Camus hielt seine Rede vor der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Seither riss das Engagement diverser Gruppen für eine friedliche Weltordnung nicht ab. Elitär-philosophische bis hin zu politisch-benachteiligte Gruppen versuchten sich in der Idee einer friedlichen Welt.

„Ich möchte Weltbürger sein, überall zu Hause sein und – was noch entscheidender ist – überall unterwegs."
(Erasmus von Rotterdam)

Auf die Frage „Wo stehen wir heute?" antwortete Ernst Jünger 1960, dass man weniger „steht" als sich in Bewegung befindet. „Dies zudem in einem Accelerando, einer ständigen Beschleunigung. Deshalb sind auch große Standbilder bedeutender Menschen problematisch geworden." Das ist heute noch aktuell!

Und Franz Josef Strauß hielt ein Jahr danach eine Rede vor versammelten Hanseaten:

„Heute ist ein Flug um die Erde in 24 Stunden möglich. Eine interkontinentale Rakete fliegt in 30 Minuten mit 28 000 km/h Geschwindigkeit von Zentral-Russland nach Ostamerika. Ein Erdsatellit umkreist die Erde in 80 bis 90 Minuten. Die Frage heißt: Sind unsere Institutionen noch diesen Veränderungen gegenüber wirklich adäquat? (...) Eine Weltregierung wäre heute für die Lösung gewisser Probleme erforderlich." (...) Dann wird der wirtschaftlichen Renaissance Europas, die eine Tatsache ist, die politische folgen. (...) Alle Nationen und Gemeinschaften mussten erdacht, erträumt, ersehnt, erkämpft, erlitten werden, ehe sie Wirklichkeit wurden."

Heute ergab eine aktuelle Umfrage der BBC , dass sich immer mehr Menschen nicht mehr als Einwohner ihres Heimatlandes, sondern eher als Weltbürger fühlen. Durch die Krisen der letzten Jahre sind wir aufgefordert über das Regionale, Nationale und auch Kontinentale hinaus zu blicken und auch dementsprechend zu handeln!

Die Natur und die Wirtschaft kennen keine Grenzen.
(CSH)

In gewissem Sinne sind wir bereits Weltbürger – sind es immer gewesen. Die Brisanz der Geschehnisse nötigt jedoch, es bewusst wahrzunehmen. Es ist leider sinnlos und ziemliche Zeitverschwendung, sich in politische nationale Denkschemata zu flüchten, nach dem Prinzip: „Wir sichern das, was wir haben" – denn das kann durch einen Einfluss von außen ganz schnell null und nichtig werden. Vermutlich liegt es an dem starken Mangeldenken, das uns von klein auf eingetrichtert wird. Immer müssen wir schneller sein als andere, um etwas zu kriegen. Das führt zu Abschottung und Abgrenzung. Wenn genug von allem da ist, braucht es das nicht.

Doppelstaatsbürgerschaften boomen. Allein in Deutschland sind es zwischen 2 und 4 Millionen! Genaue Zahlen sind unbekannt, da die jeweiligen Bürger es meistens nicht melden, um etwaige Aberkennungen zu vermeiden. Diese Vorgehensweise – wie viele andere auch – entstehen aus nationalem Denken und Agieren. Wäre die Welt offen, wäre jeder Weltbürger und hätte quasi alle Nationalitäten, so würden sich viele Länder einiges ersparen.

Jacque Fresco hat in seinem Venus Project schon in den 70ern ein Modell vorgestellt, wie es anders gehen könnte. Er konnte vieles begreiflich machen, doch die Menschen verstanden es noch nicht.

„If we really wish to put an end to our ongoing international and social problems, we must eventually declare Earth and all of its resources as the common heritage of all the world’s people. When education and resources are available to all without a price tag, there will be no limit to the human potential."
(Jacque Fresco)

Vieles heute ist ein Widerspruch in sich. Vor allem der heutige Nationalstaat und das globale Wirtschaftssystem. Konflikte werden politisch ausgeschlachtet, um kurzfristig Vorteile zu erlangen. Es ist nicht richtig, dass in einem Land Aktionen gesetzt werden können, die sämtliche andere Länder, ja sogar den ganzen Globus gefährden. Je globaler die Wirkungen unserer Handlungen sind, desto mehr muss auch global Verantwortung übernommen bzw. entschieden werden.
Was in früheren Zeiten für die Meisten noch zu abstrakt war, gewinnt heute an leidgeprüfter Substanz. Hatte die Idee eines weltweiten Systems, in dem globales Recht, Wirtschaft und Ethik definiert sind, immer schon wertestiftendes Potenzial – so konnte es in Zeiten des Zusammenbruchs immer Kraft zur Orientierung und Neubeginn geben. Steht uns das erneut bevor?

„Ich weiß, angesichts der Globalität der Probleme, dass eine Art ökologisches Weltbürgertum überlebensnotwendig wäre. Aber ich glaube nicht mehr daran, dass die Leute dies noch rechtzeitig genug realisieren."
(Ex-Parlamentarier Herbert Gruhl)

Die Idee der „vollen Souveränität des Individuums über sich selbst" ist Kern der 1996 in den USA gegründeten Weltbürgerstiftung.
Der Weltföderalismus erklärt, „dass die Prinzipien eines gemeinsamen Lebens, die Grundlage jeglicher zivilisierter Existenz, auf die internationalen Beziehungen angewandt werden müssen. Zu diesem Zweck wird ein rascher Fortschritt in der Entwicklung demokratischer Weltinstitutionen für ein Weltrecht verlangt, durch das die Menschen und Nationen der Erde ihre Beziehungen friedlich und gerecht regeln können, um eine ökologisch vertragliche Weltgemeinschaft zu schaffen..."

Ein Etappenziel der Weltföderalisten wurde im Start des Internationalen Strafgerichtshofs erreicht. Und das TGDE (The Global Democracy Experiment), eine Art virtuelles Weltparlament, stellt den Versuch dar, über Entscheidungsfindung im Internet letztlich wirkliche Entscheidungen zu beeinflussen.

Ich spreche nicht von einer elitären Weltregierung. Eher von einem globalen kompetenten Zusammenschluss, der über die UNO hinausgeht. Doch davon sind wir derzeit wohl globale Meilen weit entfernt.
Es ist keine Frage mehr, ob ein Land seine Wurzeln behalten darf oder nicht – es ist die Frage, wie es mit seinen Wurzeln global und universal agieren kann: Rechtlich, wirtschaftlich, wissenschaftlich und ethisch. Der einzig gangbare Weg ist der, die Vielfältigkeit der Welt zu belassen und globale Themen gemeinsam durch einen verbindenden Geist in Form einer internationalen Rechtsform zu lösen.

„Wir müssen die Vielfalt der Kulturen als gemeinsamen Gewinn begreifen, auch wenn wir nach ganz unterschiedlichen Werten und Wahrheiten leben. Ein wegweisendes Menschenbild des 21. Jahrhunderts."
(Kwame Anthony Appiah – Der Kosmopolit – Philosophie des Weltbürgertums)

Ist der Mensch also langsam reif für eine Weltkultur?

Wir brauchen eine neue Weltpolitik, die unabhängig von der Weltwirtschaft ein Weltrecht schafft, in dem Wissenschaft und Bildung, wie auch Kunst und Kultur frei bleiben und jeder Mensch frei nach seinen Möglichkeiten leben kann. Alle Ressourcen sind Eigentum aller Menschen und werden demnach gerecht verteilt...
Utopisch? Werden wir eher – wie viele Politologen meinen – zuvor in eine neue Barbarei absinken?

Darauf möchte ich mit einem Zitat antworten:

„Wir haben uns zu besinnen, ob wir nur Erzeuger und Verbraucher zu sein wünschen, oder ob wir auch andere unabdingbare Ziele haben. Wenn solches der Fall ist, dann müssen wir auch diesen Zielen kräftige allgemeine Formen verleihen."
(Dieter Lauenstein)

Schauen wir nicht nur über den Tellerrand, schauen wir über den nächsten Horizont!

Ihre

Cornelia Scala-Hausmann

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