Tage der Zukunft 2015 – Eröffnungsrede zum Thema Erneuerungskompetenz

Cornelia Scala-Hausmann

Auch ich möchte Sie herzlich an diesem besonderen Ort willkommen heißen, der für mich ein Knotenpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft ist. Nicht nur, weil diese Klosterruine als Bauwerk die Vergangenheit darstellt und heute hier die Tage der Zukunft stattfinden, sondern auch weil es für mich ein Aussichtspunkt zu meiner eigenen Vergangenheit und Zukunft darstellt. Blicke ich nach Nordosten – schaue ich nach St. Veit/Glan und Klagenfurt und damit auf meine letzten 13 Jahre, und dahinter nach Wien, wo ich davor 37 Jahre meines Lebens zugebracht habe, aufgewachsen bin, Familie und Firma gegründet habe. Drehe ich mich um, blicke ich nach Süden, nach Italien, wo mein zukünftiges Heim für die nächsten Jahre auf mich wartet, ein schwimmendes Heim – aber davon werde ich morgen mehr erzählen.

Ich habe Ihnen heute 4 Kompasse mitgebracht. Der erste hier ist ein schon beinahe antiker Handpeilkompass, mit Wasser gefüllt und einem speziell angebrachten Spiegel, der mich die Richtung ablesen lässt… den zweiten werden Sie alle kennen – ein Taschenkompass der Neuzeit… und ein dritter, den ich via App auf meinem Handy abrufen kann. Auf welchen würden Sie sich am ehesten verlassen?

Ich habe aber noch einen vierten… den Zukunftskompass mit 12 „Richtungen“ – den Zukunftskompetenzen. Das Thema dieser Tage der Zukunft ist die Erneuerungskompetenz und daher möchte ich besonders darüber sprechen.

Doch zuvor eine Frage an Sie: Was glauben Sie? Brauchen wir überhaupt einen Kompass im Leben oder auf einer Reise?

Als Seglerin sage ich „Nein“ – es geht auch ohne – wenn man die Richtung kennt, wenn man den Weg kennt. Es kommt auf die Situation und das Segelrevier an. Am Wörthersee brauche ich sicher keinen Kompass um zu wissen, wo ich bin. Bei weiteren Strecken am offenen Meer kann es jedoch schon vorkommen, dass ich vom Weg abkomme… und die rascheste (nicht die einzige!) Methode, sich zu orientieren, ist der Kompass…andernfalls dauert es unter Umständen länger bis ans Ziel.

Vor zwei Jahren trafen wir in der Karibik, in Martinique, zwei Franzosen – Zwillingsbrüder – die bereits 3 mal mit kleinen Booten über den Atlantik segelten – OHNE jegliche Hilfsmittel! Ohne Sextanten, ohne Seekarten, ohne Kompass und natürlich ohne GPS. Sie orientierten sich ausschließlich an der Sonne. Bei der letzten Überfahrt kamen Sie jedoch in ein ausgedehntes Tiefdruckgebiet mit starker Wolkenbildung und sie konnten die Sonne nicht mehr sehen… mehrere Tage lang, ja über eine Woche segelten sie orientierungslos dahin, sich nur nach Wind und Wellen richtend… erst als die Wolken aufklärten und der Himmel wieder klar wurde, konnten sie sich orientieren und ihren Weg fortsetzen.
Sie kamen an. Sie kamen alle 3 male wohlbehalten an. Zwar etwas ausgezehrt und abgemagert – aber Sie kamen an. Sie brauchten nur länger … ca. 2,5 Monate für die Überfahrt. Das Boot, mit dem wir segeln, brauchte zuletzt 12 Tage…
Als wir sie trafen, beschlossen sie, dass es das letzte mal gewesen ist und verschenkten aus Dankbarkeit, dass alles immer gut ging, all ihr Hab und Gut an sämtliche Fahrtensegler in ihrer Bucht. Wir erhielten Bohnendosen, Überlebensanzüge und Rettungswesten…
Die Sonne in deren Reise war für mich Symbol ihrer Vision. Ein Kompass kann helfen, diese Vision nicht aus den Augen zu verlieren.

Aus diesem Grund haben wir vor 1 Jahr im IFZ den Zukunftskompass entwickelt – um Ihnen eine gute und rasche Orientierung auf ihrer Reise in die Zukunft zu geben.
Und wer mich biografisch etwas kennt, weiß, dass die Erneuerungskompetenz das Hauptthema meines Lebens ist.

Erneuerung bedingt jedoch eine Eigenschaft, die ohne Zweifel JEDER von Ihnen besitzt, jedoch in VÖLLIG unterschiedlicher Art und Weise äußert. Eine Fähigkeit, die uns tagein, tagaus das Leben erleichtert, uns Lösungen finden lässt und vor allem in (gefürchteten oder ersehnten) Veränderungsprozessen massiv unterstützt.

Ahnen Sie es schon?

Diese Fähigkeit ist angeboren, ist jedoch im Leben zu trainieren, um nicht zu verkümmern… sie kommt allerdings NUR da zum Tragen, wo wir uns in ungeordneten Bahnen bewegen… denn will ein Mensch in diesem erneuernden Modus bleiben, muss er immer wieder aus sich festigenden Bahnen ausbrechen!

Von welcher Fähigkeit spreche ich? – ich spreche von der stärksten menschlichen Kraft, die Dinge erschafft! – „creare“ – etwas neu schöpfen, etwas erfinden – von der Kreativität! Mit deren Hilfe wir soziale oder wirtschaftliche, in jedem Falle jedoch persönliche Erneuerung oder Innovation schaffen.

Aber was passiert dann?

 

…es könnte sich Erfolg einstellen.

Und sobald sich der sogenannte Erfolg einstellt, die Dinge sich zu normieren beginnen, wir industrialisiert werden, Abläufe verwirtschaftlicht werden… muss diese Form der Kreativität zurückweichen! Denn man muss schließlich mal bei einem bleiben, um es in genormte Abläufe bringen zu können – sonst wird sich wenig Erfolg wirtschaftlicher Natur einstellen.

Unzählige Biografien zeigen uns diesen Tanz zwischen Erneuerung und Erfolg. Nehmen wir z.B. einen der erfolgreichsten Schriftsteller heutzutage… Paolo Coelho. Der Höhepunkt seiner Kreativität war der Beginn seiner Schriftstellertätigkeit mit über 40 Jahren, als er seinen ersten Roman „Der Jakobsweg“ schrieb. Es folgte „Der Alchimist“ und viele andere und jetzt ist er erfolgreich unter Vertrag. Genormt, verplant, in einem wirtschaftlichen Ablauf und muss jedes 2. Jahr ein Buch abliefern.

Ist er kreativ? Er meint „nein“ – aber er genießt den Erfolg mit jeder Faser seines Lebens. 40 Jahre lang hat er seine „Sonne“, seine Vision immer wieder vor Augen gehabt, sich immer wieder neu danach ausgerichtet. Und sein Lebenskompass half ihm, diese Vision doch noch zu erreichen. In seiner jüngst veröffentlichten Biografie wird dieser Weg sehr eindrucksvoll beschrieben. 40 Jahre hat er gekämpft – mit all seinem kreativen Einsatz… danach folgte die Aufarbeitung dieser Zeit… und in jedem Roman erfährt man ein Stück Leben vor seiner Tätigkeit als Autor…

Will also ein Mensch weiterhin ein hochgradig kreatives Leben führen, nimmt er Abschied an diesem Punkt – JUST, wenn sich ein wirtschaftlicher Erfolg einstellt, der auch nach Außen bemerkbar wird… der ihn in Normen und Abläufe zwängt und beginnt etwas Neues. Oder – er findet jemanden, der die bisherigen kreativen Ideen übernimmt und für ihn ökonomisch nützt, so dass er selbst sich neuen Ideen widmen kann. (der Traum eines jeden Künstlers…)

Naturgemäß hat das viel mit „Scheiden“ und „Entscheiden“ zu tun… „entscheiden“ hat in seinem Wortursprung etwas mit „das Schwert aus der Scheide ziehen“, „etwas aus dem Schutz nehmen“ und mit „schneiden“ zu tun… auf KEINEN Fall hat es etwas mit Sicherheit und Ruhe zu tun…

Oft hat es mit Freude, Lebendigkeit und Jugend zu tun…

Und mit Grenzen.

Es hat auch mit viel Pioniergeist zu tun! Und eine Briese Revolution schwingt auch mit, denn Neues kann nur geschaffen werden, wenn das alte in Frage gestellt wird.

Und eines ist uns klar – wären NUR reine Pioniere auf dieser Welt, hätte nichts Bestand. Es braucht alle anderen Kompetenzen, um die Welt und die Wirtschaft am Laufen zu halten. Also keine Sorge, wenn Sie eine andere Kompetenz stärker vertreten.

Jeder hat seine Präferenzen und als Unternehmer, Chef etc. gilt es lediglich, diese Kompetenzen im Team zu vereinen.

Und jetzt frage ich Sie – Wie sieht es bei Ihnen aus?

  • Lieben Sie das Neue? Oder eher vorgegebene Wege?
  • Können Sie alte Traditionelle Vorgehensweisen über Bord werfen?
  • Sind Sie offen für völlig neue Lösungswege in alten Problemen?
  • Können Sie eigene eingefahrene Muster erkennen und verlassen?
  • Leben Sie eine „Open Innovation“ – eine offene Ideensammlung unter Partnern am Markt?
  • Beziehen Sie möglichst unterschiedliche Menschen zur Lösung eines Problems heran?
  • Versuchen Sie die Dinge oft mit anderen Augen zu sehen und wechseln Sie die Perspektive?

„Betrachte einmal die Dinge von einer anderen Seite, als du sie bisher sahst, denn das heißt ein neues Leben beginnen. (Marc Aurel, in: Momente der Ruhe“)


Erneuerung bedeutet gleichzeitig Veränderung – Unbekanntes verspricht
Überraschungen. „Überraschung ist das Salz des Lebens“ heißt es. Was wäre, wenn alles seine vorgeplanten Bahnen liefe? – Ich sehe jetzt die eine oder andere gerunzelte Stirn… denn im Business sind Überraschungen nicht unbedingt erwünscht. Es sei denn, positive. Oder hatten Sie bei dem Wort „Überraschung“ sowieso nur an positive gedacht?

…eine Erneuerung tut immer gut. Freiwillig oder gezwungenermaßen. Und meist begreift man erst hinterher den wahren Sinn darin. Erneuerung ist der Jungbrunnen für Mensch und Organisation, für Produkt und Unternehmen.

… und erneuerungskompetente Menschen spielen mit diesen Polen… sie wollen weder in Strukturen verhärten noch ein Spielball von Überraschungen werden. Sie fokussieren ihre Ziele – richten sich nach ihrem eigenen Kompass aus … und bleiben ungern stehen.

 

Denn die nächste Kompetenz im Rad des Zukunftskompass wartet…. die Freiheit!

 

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

 

 

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