…das war eine Aussage meiner Großmutter aus dem 19. Jahrhundert. Hatte sie recht? Was ist „Mut“ in Wahrheit und wann ist jemand wirklich „mutig“?

Irgendwie, meine ich, kann man sich Mut doch kaufen – in Form von anderen Personen, die dafür bezahlt werden, mutig ihr Leben für andere einzusetzen. (Soldaten, Katastrophenschutz, Ärzte etc.)

Aber was, wenn man in einem Bereich mutig sein soll, den kein anderer für uns übernehmen kann?

In Beziehungen zum Beispiel – im Zusammenspiel mit anderen Menschen bei Arbeit, Sport und Familie.

Oder einfach im Äußern der eigenen Meinung! Auch wenn man dadurch aneckt oder eine Konfrontation riskiert.

…und da ist das Schlüsselwort – „Risiko“ – das ist ein Wort, das mit „Mut“ einhergeht. Ohne Risiko braucht es keinen Mut. Ein Risiko beinhaltet immer auch die Gefahr eines Verlusts, sonst wäre es ja keines. Sei es Geld, Leben, oder ein geliebter Mensch, den wir verlieren können.

„Mut definiert sich als Aktion im Angesicht von Angst“, schreiben Forscher des Weizmann-Instituts in Israel in ihrer Studie aus dem Jahr 2010.

Auch heute noch geht es häufig um den Einsatz des eigenen Lebens, wenn jemand mutig eine Aufgabe übernimmt! So mancher Greenpeace-Aktivist landet im Gefängnis, wenn er mutig gegen Konzerne oder Regierungen eintrat und in einigen Ländern verschwinden immer noch Menschen, die mutig ihre Meinung äußern!

Forscher haben durch Gehirnmessungen fest gestellt: Mut heißt, gegen seine Natur, gegen die innere Unruhe zu handeln. Es geht um eine Handlung TROTZ Angst. („Die Presse“, Print-Ausgabe, 24.03.2013)

Es scheint so zu sein, dass sich Mut proportional mit Angst entwickelt. Je mehr Angst ein Mensch hat, desto eher kommt er an eine Grenze, wo er sich zwischen totalem Verlust an Selbstbestimmung (einer völligen Unterordnung entgegen eigener Prinzipien) und einem Aufbegehren entscheiden muss.

Angst und Mut gehören also zusammen – wer keine Angst hat, braucht nicht mutig zu sein!

So ist unsere Historie voll von Helden, die mutig waren zu sterben – aber es gibt auch genügend Menschen, die nicht mutig genug waren, zu leben.

 

Mut kann man nicht kaufen – aber man kann ihn doch erwerben. Wie?

…indem man sich seiner Angst stellt.

Und ihr nicht nur ins Gesicht sieht, sondern auf sie zugeht. Dann bemerkt man, dass sie beginnt, zurückzuweichen, immer kleiner zu werden, bis sie vielleicht sogar verschwunden ist. Mut ist also die beste Waffe gegen unsere Ängste. Aber wir müssen damit auf sie „zielen“. Wenn wir ausweichen, ihnen gut zureden oder sie sogar gut heißen, werden sie uns immer mehr vereinnahmen und bestimmen.

 

„Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber ist der Mut.“ (Perikles)

Manche meinen, Mut hätte etwas mit Dummheit zu tun. Andere finden es weit dümmer, in seiner Angst stecken zu bleiben. Vorsicht ist ja nicht verkehrt, ein Abwägen der Konsequenzen kann zeigen, auf was man sich einlässt. Tut man es aber trotzdem, weil es nötig ist – dann darf man sich mutig nennen.

 

„Wenn die Sehnsucht größer ist als die Angst, wird der Mut geboren.“ – Seneca (römischer Philosoph)

Es geht also anscheinend darum, genau das zu tun, was uns schwerfällt; was unserer üblichen Herangehensweise widerspricht; was uns aus unserer Sicherheitszone herauskatapultiert.

 

Sicher – das kann man nicht andauernd machen, denn es kostet Kraft. Doch wenn wir es wagen, mutig durch eine Angst hindurch zu gehen, erhalten wir sogar einen Energiezuwachs, plötzlich fließt ungeahnte Kraft durch uns hindurch.

 

Und das nennt man dann Selbstvertrauen!

 

Ich freue mich über all die mutigen Projekte von couragierten Menschen an den kommenden Tagen der Zukunft,

 

Ihre Cornelia Scala-Hausmann

An den Orten, wo Segler ihre Boote über die Hurricane-Saison abstellen, kommen viele Nationalitäten und Kulturen zusammen. Unser Marina-Besitzer ist amerikanischer Jude (seine Exfrau mit ihrer Marina visavis, amerikanische Katholikin), Deutsch-Kanadier, Niederländisch-Kanadier, Franko-Kanadier, Englisch-Kanadier, Amerikaner (Süd-, Nord-, West-, Ost-), Holländer, Franzosen, Belgier, Deutsche, Schweizer, Neuseeländer, Australier, Kolumbianer, Paraguayer, Israelis, Südafrikaner… u.a.m.

 

Nicht überall, wo Wasser ist, sind Frösche; aber wo man Frösche hört, ist Wasser.
(Johann Wolfgang von Goethe)

 

Und es passiert immer wieder in Gesprächen, dass pauschaliert wird. „Die“ Amerikaner… „die“ Deutschen (mit denen wir Österreicher immer in den selben Topf geworfen werden)… „die“ Franzosen… etc.

Letztens kam es zu einer ziemlich hitzigen Debatte, weil der Marina-Chef einen Konflikt mit einem schwarzen Officer in Belize bei der Einreise hatte. Ein Wort gab das andere und schließlich gab es nur noch „die“ Nigger und „die“ Amerikaner. Uralte Konflikte lebten wieder auf – die doch längst vergessen sein sollten!

Ein Frankokanadier kam dann im Zuge der Diskussion mit Louis XV, der Kanada gegen die Karibik eintauschte, was er ihm heute noch übel zu nehmen schien und war fest davon überzeugt, dass „die“ englisch-kanadischen Leute „die“ franko-kanadischen hassen würden.

Die umsitzenden Segler dementierten diese Ansichten sofort, kein Volk kann pauschal beurteilt werden – auch Amerika mit Trump ist in sich selbst völlig uneinig über diesen Präsidenten und jeder US-Bürger, den wir bisher trafen, wollte ihn absetzen.

 

Die Menschen begegnen sich nicht persönlich. Es treffen nur ihre Vorurteile aufeinander…
(Elmar Kupke)

 

Die Frage, die ich mir stelle, ist: Wieso neigt der Mensch trotz aller Intelligenz zu diesem destruktiven, dummen Verhalten?

> Stereotypen – heißt es in der Psychologie – sind Meinungen, die mit einem positiven oder negativen Gefühl verknüpft, eine Einstellung gegenüber Menschengruppen erzeugen. Vorurteile müssen also nicht immer negativ sein – so heißt es doch auch (nicht nur unter Seglern) „Die Deutschen sind ordentlich und genau“.

 

Der Glaube an Vorurteile gilt in der Welt als gesunder Menschenverstand.
(Claude-Adrien Helvetius)

 

Jeder Mensch hat Vorurteile! wissen Forscher zu berichten. Wir können uns gar nicht dagegen wehren, denn viele sind unterbewusst, seit Kindheit eingeprägt. Einerseits hat es den Vorteil, dass wir bei Entscheidungen nicht mehr viel nachdenken (müssen) – andererseits den Nachteil, dass unsere Entscheidungen eben vorgeprägt sind.

Die Evolution scheint uns dadurch schneller handlungsfähig machen zu wollen – vor allem zur Zeit der Jäger und Sammler oder der Stammesfeden war das wohl überlebenswichtig. Und allein, dass wir heute dieses Thema bewusst hinterfragen, zeigt, dass sich evolutionär etwas getan hat. (bei den meisten zumindest).Wir nennen es in unseren Lehrgängen auch Fremdbestimmung – wenn wir nur noch automatisch ohne Reflexion irgendwelchen vorgefertigten Meinungen folgen.

 

Das Vorurteil ist eines der größten Feinde der Menschenkenntnis.
(Nico Szaba)

 

Bei blitzschnellen Entscheidungen wäre es empfehlenswert zu prüfen, woher sie kommen –„Den können wir nicht einstellen, der kommt aus einem anderen Bereich und da kann er sicher unseren Zugang nicht verstehen…“ bis hin zu „Ein Schwarzer würde unsere Teamharmonie gefährden.“ Oder „Diese hübsche Frau soll ein Mathe-Genie sein?“ etc. – Sie glauben es nicht? – in Tests bestätigen Forscher leider bis heute noch solche pauschalierten Meinungen. Schlimmer noch: Wenn man einen Menschen mit einer Person konfrontiert, die das Gegenteil beweist, wird nicht etwa das Vorurteil revidiert – nein! Es wird ein weiteres geschaffen! „Das ist ja keine normale Frau, das ist ja eine Ausnahme (Emanze, Amazone) oder „Meine Putzfrau ist ja anders als die anderen Syrer, Türken, Kroaten etc.“ (orginal schon in Gesprächen gehört!) Wir spalten also alle Informationen, die nicht ins Bild passen, einfach ab.

 

Viele Menschen denken, sie dächten bereits, wenn sie lediglich ihre Vorurteile neu ordnen.
(Sir William Jones)

 

Noch schlimmer ist, dass diese Vorurteile unbewusst auch auf uns selbst wirken! Alleine wenn wir hören, dass alte Menschen gebrechlich sind, werden wir auch langsamer! (John Bargh von der Yale University)

Und das allerschlimmste ist, dass schon die Erwähnung einer solchen Stereotype unsere Leistung beeinflusst! Allein zu hören, dass Frauen in Mathe schlechter sind als Männer, bewirkt, dass sie es tatsächlich sind! Sogar das bloße Ankreuzen des Geschlechts bei einer Uni-Prüfung reicht hier schon aus! (Claude Steele von der Stanford University)

Sie meinen, das sei überholt? Sie haben keine Vorurteile?

Jeder der meinte, er hätte keine Schubladisierungen und sich einem Test unterzog, wurde eines besseren belehrt. (Joshua Correll von der University of Chicago und Bernadette Park von der Colorado University)

Noch dazu bemerken wir Menschen, wenn uns ein anderer in Schubladen steckt – und sind diese negativ besetzt, fühlen wir uns zumeist bedroht. Das wiederum führt zu einem Kreislauf, in dem sich Vorurteile viceversa bestätigen. Es reicht bereits, wenn jemand damit rechnet, dass ihm Vorurteile entgegen gebracht werden. Die Erwartung beeinflusst bereits sein Handeln und Sein. Vorurteile sind also alles andere als harmlos.

 

Es bleibt nicht aus, dass wir von anderen in eine ihrer Schubladen gesteckt werden. Bedenklich wird es aber, wenn wir uns dort wie zu Hause fühlen. (Ernst Ferstl)

 

Jede Schublade, die uns die Welt erklärt, entlastet uns. „Das ist eben so!“ macht uns das Leben leichter. Jemanden die Schuld am Elend der Welt (oder der Errettung daraus) zuzuschieben ist bequemer als die komplexen Parameter zu ergründen, die für uns emotional weniger befriedigend wären. Wir teilen in möglichst einfache Kategorien ein – alt&jung, arm&reich, weiss&schwarz, weiblich&männlich, dick&dünn etc., um die Flut der Information besser verdauen zu können. Medien und Werbung machen sich das zunutze. (Gerhard Roth, Professor für Verhaltensphysiologie an der Universität Bremen)

 

„Es spricht vieles dafür, dass in einem leeren Kopf die Vorurteile besonders blühen.“
(Sir Peter Ustinov)

 

Woher sie genau kommen, kann man noch immer nicht sagen, Vorurteile machen misstrauisch und sind leider in 9 von 10 Fällen negativ besetzt. Und abgesehen davon werden es im Normalfall im Laufe eines Lebens eher mehr als weniger. Unser Gehirn neigt zur Einfachheit und blendet liebend gern komplizierte Parameter aus. Und je mehr Druck wir haben, desto radikaler.

Forscher fanden einen Weg, das Gehirn „umzuprogrammieren“, indem gegenteilige Klischees in Bildern und Tönen zusammengebracht und im Schlaf durch die Töne verstärkt wurden, das scheint jedoch der einzige wissenschaftliche Erfolg zu sein.

Jede noch so kleine Information lässt uns Schubladen suchen, in die wir sie einordnen können. Und einmal dort, kommen sie nicht so leicht wieder raus. Ausnahmen bestätigen unsere Regeln eher als dass sie sie uns revidieren lassen. Wir nehmen auch eher das wahr, das mit unseren Schubladen konform geht als jenes, das ihnen widerspricht.

Außer – wir hinterfragen uns!

Offenbar sind wir nun an einer evolutionären Stufe angekommen, wo das möglich ist! Und als Lernfeld wird uns die derzeitige Geschichte der Welt serviert. Empathie und Vielfalt prüfen, ob wir damit klar kommen… dummerweise sind diejenigen, die sich und andere hinterfragen – wiederum unbequem und werden in die Schublade der Querulanten etc. gesteckt.

 

„Das beste Mittel gegen Vorurteile ist – sich Zeit zum Denken nehmen“
(Juliane Degner)

 

Aber es besteht Hoffnung – denn in einer Welt der zunehmend vereinten Gegensätze tun wir uns mit Schubladisierungen immer schwerer und müssen sie mehr und mehr aufbrechen. Zukünftige Generationen gehen durch die Vielfalt schon anders damit um. Gottseidank – und dafür sind die neuen Medien auch gut. Denn durch sie kann ein Guatemalteke in den Bergen sehen, dass es anders ist, als Eltern oder Großeltern erzählen… und er wird neugierig. Und ist er mutig genug, kommt er eines Tages in die Stadt, in die Marinas und trifft auf Europäer und Amerikaner…

Francesco ist 18. Er schmuggelte sich in die Marina auf der Suche nach Arbeit. Er darf das nicht. Er dürfte nicht mal in die Stadt hinunter. Doch er wollte wissen, ob die Weißen wirklich so reich und so hasserfüllt sind… und so kam er zu unserem Boot und half uns bei manchen Arbeiten… und er revidierte das Urteil seiner Familie und verdiente gutes Geld… das er seinen Eltern brachte, die jedoch ihre Vorurteile nicht veränderten…

 

Ein Glück, daß man nicht alle kennt, die man nicht mag.
(Michael Richter)

 

Mit dem Satz „Vielleicht ist es aber auch ganz anders!?“ geschult, tue ich mir ein wenig leichter im Aufbrechen von Meinungen, Vorurteilen und Grundsätzen. Wer gerne hinter die Kulissen des Lebens schaut, findet hier mehr Befriedigung als in einfachen Glaubenssätzen.

Ihre

Cornelia Scala-Hausmann

 

 

Buchempfehlungen:

  • „Achtung! Vorurteile“ ein Buch über den „womöglich größten Schurken in der Geschichte von uns Menschen“/Sir Peter Ustinov
  • „Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung“ / Lars-Eric Petersen

 

Zitate:

Der Mensch ist ein kognitiver Geizkragen, er versucht, mit so wenig Denkarbeit wie möglich durch das Leben zu kommen. (Lars-Eric Petersen)

Vorurteile sind die Vernunft der Narren. (Voltaire)

Es ist nie zu spät, Vorurteile abzulegen. (Henry David Thoreau)

Beurteile nie einen Menschen bevor du nicht mindestens einen halben Mond lang seine Mokassins getragen hast. (Indianische Weisheit)

Wir brauchen unsere Schubladen. Aber Menschen haben dort weder etwas verloren – noch etwas zu suchen. (Ernst Ferstl)

Wer ein Pferd kaufen will und nicht das Pferd selbst, sondern nur Sattel und Zaumzeug betrachtet, ist ein Narr. Ein vollendeter Dummkopf aber ist, wer einen Menschen nach seiner Kleidung und äußeren Lebensstellung beurteilt, die ihn doch nur wie ein Gewand umgibt. (Lucius Annaeus Seneca)

Wir nennen unsere Vorurteile gerne Grundsätze. (Hans Ulrich Bänziger)

Vor kurzem traf ich in einem kleinen Café in Placencia/Belize zwei neuseeländische Segler, die, wie sich herausstellte, eigentlich Schweizer waren und der Mann gebürtiger Franzose. Er besitzt drei, seine Frau zwei Staatsbürgerschaften und damit auch Pässe.

Von anderen deutschen Seglern erfuhren wir, dass ihre Kinder auch zwei Pässe haben, einmal einen Schweizer Pass mit dem Nachnamen der Mutter und einmal einen deutschen mit dem des Vaters!

Mit zwei Amerikanern, die eigentlich Türken sind, er in Deutschland aufgewachsen und in den USA eine Firma aufgebaut, verhält es sich ähnlich.

Ich steuerte bei, dass wir in Österreich keine zweite Staatsbürgerschaft annehmen dürfen, ohne die österreichische zu verlieren. Nur in Ausnahmefällen kann bei uns eine Doppelstaatsbürgerschaft zustande kommen. Gut oder schlecht? Oder egal?

Nun haben Fahrtensegler sowieso einen globalen Zugang und daher waren alle rasch derselben Meinung, dass in einer Welt, die sich gegenseitig ökonomisch, ökologisch, sozial und finanziell beeinflusst, in der alle Staaten vice versa Schulden haben – das nationale Denken irreal ist. Vielmehr geht es in die Richtung eines Weltbürgertums, in dem alle miteinander vernetzt sind.

Ökonomisch und ökologisch sind wir das mehr als uns lieb ist. Mental leider noch nicht.

„Der kritische Geist ist ein Kosmopolit“ (Dr. Fritz P. Rinnhofer)

Es gab immer wieder helle Momente, in denen Menschen bewusst wurde, dass wir eigentlich nur eine Erde haben und uns gemeinsam darauf friedlich tummeln sollten. In der Antike war es unter anderem Seneca, der den Kosmopolitismus vertrat und damals schon für die Notwendigkeit des Zusammenhaltens aller Menschen als Mitbürger ihrer Heimat „Erde“ plädierte.

Ihm folgten in der Renaissance viele nach und Immanuel Kant sieht etwas später den Kosmopolitismus als regulatives Prinzip, dessen Vollendung nur durch fortschreitende Organisation der Erdbürger in (…) einem System, das kosmopolitisch verbunden ist, erwartet werden kann.

Was zeichnet einen Weltbürger aus?
Nach Kant war es Mündigkeit, Vernunft und Willensfreiheit… heute würde ich sagen: Selbstverantwortung und Verantwortung gegenüber der Welt.

Nach dem zweiten Weltkrieg war das Weltbürgertum ein großes Thema. Der staatenlose Weltbürger Nr. 1, Garry Davis, ein ehemaliger US-Bomberpilot, besetzte 1948 das Gebäude der UN-Generalversammlung in Paris und initiierte damit großes Aufsehen bei Intellektuellen, Presse und Politik. Albert Camus hielt seine Rede vor der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Seither riss das Engagement diverser Gruppen für eine friedliche Weltordnung nicht ab. Elitär-philosophische bis hin zu politisch-benachteiligte Gruppen versuchten sich in der Idee einer friedlichen Welt.

„Ich möchte Weltbürger sein, überall zu Hause sein und – was noch entscheidender ist – überall unterwegs. (Erasmus von Rotterdam)

Auf die Frage „Wo stehen wir heute?“ antwortete Ernst Jünger 1960, dass man weniger „steht“ als sich in Bewegung befindet. „Dies zudem in einem Accelerando, einer ständigen Beschleunigung. Deshalb sind auch große Standbilder bedeutender Menschen problematisch geworden.“ Das ist heute noch aktuell!

Und Franz Josef Strauß hielt ein Jahr danach eine Rede vor versammelten Hanseaten: „Heute ist ein Flug um die Erde in 24 Stunden möglich. Eine interkontinentale Rakete fliegt in 30 Minuten mit 28 000 km/h Geschwindigkeit von Zentral-Russland nach Ostamerika. Ein Erdsatellit umkreist die Erde in 80 bis 90 Minuten. Die Frage heißt: Sind unsere Institutionen noch diesen Veränderungen gegenüber wirklich adäquat? (…) Eine Weltregierung wäre heute für die Lösung gewisser Probleme erforderlich.“ (…) Dann wird der wirtschaftlichen Renaissance Europas, die eine Tatsache ist, die politische folgen. (…) Alle Nationen und Gemeinschaften mussten erdacht, erträumt, ersehnt, erkämpft, erlitten werden, ehe sie Wirklichkeit wurden.“

Heute ergab eine aktuelle Umfrage der BBC , dass sich immer mehr Menschen nicht mehr als Einwohner ihres Heimatlandes, sondern eher als Weltbürger fühlen. Durch die Krisen der letzten Jahre sind wir aufgefordert über das Regionale, Nationale und auch Kontinentale hinaus zu blicken und auch dementsprechend zu handeln!

Die Natur und die Wirtschaft kennen keine Grenzen. (CSH)

In gewissem Sinne sind wir bereits Weltbürger – sind es immer gewesen. Die Brisanz der Geschehnisse nötigt jedoch, es bewusst wahrzunehmen. Es ist leider sinnlos und ziemliche Zeitverschwendung, sich in politische nationale Denkschemata zu flüchten, nach dem Prinzip: „Wir sichern das was wir haben“ – denn das kann durch einen Einfluss von außen ganz schnell null und nichtig werden. Vermutlich liegt es an dem starken Mangeldenken, das uns von klein auf eingetrichtert wird. Immer müssen wir schneller sein als andere, um etwas zu kriegen. Das führt zu Abschottung und Abgrenzung. Wenn genug von allem da ist, braucht es das nicht.

Doppelstaatsbürgerschaften boomen. Allein in Deutschland sind es zwischen 2 und 4 Millionen! Genaue Zahlen sind unbekannt, da die jeweiligen Bürger es meistens nicht melden, um etwaige Aberkennungen zu vermeiden. Diese Vorgehensweise – wie viele andere auch – entstehen aus nationalem Denken und Agieren. Wäre die Welt offen, wäre jeder Weltbürger und hätte quasi alle Nationalitäten, so würden sich viele Länder einiges ersparen.

Jacque Fresco in seinem Venus Project hat schon in den 70ern ein Modell vorgestellt, wie es anders gehen könnte. Er konnte vieles begreiflich machen, doch die Menschen verstanden es noch nicht.

„If we really wish to put an end to our ongoing international and social problems, we must eventually declare Earth and all of its resources as the common heritage of all the world’s people. When education and resources are available to all without a price tag, there will be no limit to the human potential.“(Jacque Fresco)

Vieles heute ist ein Widerspruch in sich. Vor allem der heutige Nationalstaat und das globale Wirtschaftssystem. Konflikte werden politisch ausgeschlachtet, um kurzfristig Vorteile zu erlangen. Es ist nicht richtig, dass in einem Land Aktionen gesetzt werden können, die sämtliche andere Länder, ja sogar den ganzen Globus gefährden. Je globaler die Wirkungen unserer Handlungen sind, desto mehr muss auch global Verantwortung übernommen bzw. entschieden werden.

Was in früheren Zeiten für die Meisten noch zu abstrakt war, gewinnt heute an leidgeprüfter Substanz. Hatte die Idee eines weltweiten Systems, in dem globales Recht, Wirtschaft und Ethik definiert sind, immer schon wertestiftendes Potenzial – so konnte es in Zeiten des Zusammenbruchs immer Kraft zur Orientierung und Neubeginn geben. Steht uns das erneut bevor?

„Ich weiß, angesichts der Globalität der Probleme, dass eine Art ökologisches Weltbürgertum überlebensnotwendig wäre. Aber ich glaube nicht mehr daran, dass die Leute dies noch rechtzeitig genug realisieren.“ (Ex-Parlamentarier Herbert Gruhl)

Die Idee der „vollen Souveränität des Individuums über sich selbst“ ist Kern der 1996 in den USA gegründeten Weltbürgerstiftung.
Der Weltföderalismus erklärt, „dass die Prinzipien eines gemeinsamen Lebens, die Grundlage jeglicher zivilisierter Existenz, auf die internationalen Beziehungen angewandt werden müssen. Zu diesem Zweck wird ein rascher Fortschritt in der Entwicklung demokratischer Weltinstitutionen für ein Weltrecht verlangt, durch das die Menschen und Nationen der Erde ihre Beziehungen friedlich und gerecht regeln können, um eine ökologisch vertragliche Weltgemeinschaft zu schaffen…“

Ein Etappenziel der Weltföderalisten wurde im Start des Internationalen Strafgerichtshofs erreicht. Und das TGDE (The Global Democracy Experiment), eine Art virtuelles Weltparlament, stellt den Versuch dar, über Entscheidungsfindung im Internet letztlich wirkliche Entscheidungen zu beeinflussen.

Ich spreche nicht von einer elitären Weltregierung. Eher von einem globalen kompetenten Zusammenschluss, der über die UNO hinausgeht. Doch davon sind wir derzeit wohl globale Meilen weit entfernt.

Es ist keine Frage mehr, ob ein Land seine Wurzeln behalten darf oder nicht – es ist die Frage, wie es mit seinen Wurzeln global und universal agieren kann: Rechtlich, Wirtschaftlich, Wissenschaftlich und Ethisch. Der einzig gangbare Weg ist der, die Vielfältigkeit der Welt zu belassen und globale Themen gemeinsam durch einen verbindenden Geist in Form einer internationalen Rechtsform zu lösen.

„Wir müssen die Vielfalt der Kulturen als gemeinsamen Gewinn begreifen, auch wenn wir nach ganz unterschiedlichen Werten und Wahrheiten leben. Ein wegweisendes Menschenbild des 21. Jahrhunderts.“ (Kwame Anthony Appiah – Der Kosmopolit – Philosophie des Weltbürgertums)

Ist der Mensch also langsam reif für eine Weltkultur?

Wir brauchen eine neue Weltpolitik, die unabhängig von der Weltwirtschaft ein Weltrecht schafft, in dem Wissenschaft und Bildung, wie auch Kunst und Kultur frei bleiben und jeder Mensch frei nach seinen Möglichkeiten leben kann. Alle Ressourcen sind Eigentum aller Menschen und werden demnach gerecht verteilt…

Utopisch? Werden wir eher – wie viele Politologen meinen – zuvor in eine neue Barbarei absinken?

Darauf möchte ich mit einem Zitat antworten:

„Wir haben uns zu besinnen, ob wir nur Erzeuger und Verbraucher zu sein wünschen, oder ob wir auch andere unabdingbare Ziele haben. Wenn solches der Fall ist, dann müssen wir auch diesen Zielen kräftige allgemeine Formen verleihen.“(Dieter Lauenstein)

Schauen wir nicht nur über den Tellerrand, schauen wir über den nächsten Horizont!

 

Ihre

Cornelia Scala-Hausmann

„Bis hierher und nicht weiter!“ – hat das schon mal jemand zu Ihnen gesagt? Oder haben Sie es zu jemanden gesagt?

„Grenzen setzen“ ist eine oft gebrauchte Phrase in Coachings, gleich nach „eigene Grenzen erkennen“, gefolgt von „Grenzen überschreiten“.

„Eigene Grenzen sind da, um überschritten – fremde, um respektiert zu werden.“
(Peter E. Schumacher)

Es ist also schon mal ein gewaltiger Unterschied, um welche Grenzen es sich handelt.
In unserer bequemen, europäischen Welt sind uns unsere Grenzen sehr wichtig. Ob physisch gegen fremde Menschen – psychisch gegen zu viel Emotion – oder geistig gegen zu viel Input, verteidigen wir sie so gut wir können. Und jeder zieht seine Grenze anders – denn wo der eine sich schon bedroht fühlt, beginnt der andere, es erst interessant zu finden.

„Jeder sieht die Grenzen seines Gesichtsfeldes als die Grenzen der Welt an.“
(Arthur Schopenhauer)

Wo aber nun die einen ihre Grenzen gar nicht erkennen, machen andere bereits meilenweit davor die Schranken dicht. Ich wage nicht zu entscheiden, wer besser dran ist – denn beides geht am Leben vorbei. Doch muss man sich schon einigermaßen sicher fühlen, um Grenzen offen zu lassen… man weiß ja nie, was da herein kommt! Man könnte ja überrollt werden – die Gefahr besteht. Womit wir bei der Gratwanderung zwischen Offenheit und Distanz angekommen sind – ein Kunststück, das wir alle von Kindheit an zu erlernen haben. Und so wir gute Lehrer bzw. Vorbilder haben, gelingt es, ein selbstsicherer Grenzgänger zu werden.

„Es ist schmerzlich, einem Menschen seine Grenzen anzusehen.“
(Christian Morgenstern)

Grenzgänger(innen) gehen entlang ihrer Grenzen… sie testen sie ab. Sie gehen ein wenig darüber hinaus und beobachten, was passiert. Sie stürmen nicht darüber hinweg – und sie bleiben der Grenze auch nicht fern, denn sie wollen schon Neues entdecken. Und das gibt es nunmal nur jenseits des Vertrauten – jenseits der altbekannten, selbst gesteckten Grenze.

„Mann kann die eigenen Grenzen nur feststellen, indem man sie gelegentlich überschreitet. Das gilt für jene, die man sich selbst setzt, ebenso wie für jene, die einem andere setzen.“
(Josef Broukal)

Schon als Kind war das Spannendste hinter Zäunen verborgen. Die Ängstlichen sahen durch Gucklöcher, die Wagemutigen kletterten darüber hinweg, um zu erfahren, was es wohl dahinter zu entdecken gab. Das prickelnde, aufregende Gefühl dabei verhieß Abenteuer und wenn es auch noch gefährlich war oder wenn man erwischt werden konnte – umso aufregender! Oft nahm man dafür auch Strafen in Kauf, denn das war das Vergnügen wert. Tja, und manchmal war es dann doch auch zu viel – und bestimmte Zäune wurden niemals wieder überschritten. Doch einmal wenigstens mussten sie überwunden werden, um sich sicher sein zu können…

„Alle Schranken sind bloß des Übersteigens wegen da“
(Novalis)

Natürlich werden uns Andere alles Mögliche erzählen, was jenseits der Grenze sei. Natürlich werden sie sich teilweise widersprechen. Und natürlich kann es Tradition sein, einen gewissen Zaun niemals zu überschreiten. Es kann aber auch Aufgabe (Initiation) sein, ebendiesen zu überwinden, um erfahren (erwachsen) zu werden. Jede Grenze ist ein Schutz – doch jeder Schutz engt auch ein. Und so mancher lebt freiwillig in einem Käfig während ein tatsächlich Gefangener oft freier ist als seine Kerkermeister.

Über viele Zäune können wir im Zuge unseres Wachstums hinwegsehen. Andere scheinen dummer weise mitzuwachsen. Und wieder andere werden von uns mühsam vergrößert. Und wenn der Mensch im Laufe eines Lebens erkennt, dass so mancher Zaun von ihm selbst errichtet wurde – dann ist ein großer Schritt zur Selbsterkenntnis getan. Vielleicht dürfen wir dann bemerken, dass diese Abgrenzung unnötig ist und erlangen ein Stück Freiheit in unserem Leben.

„Wo meine Grenzen sind, bestimmt mein Denken.“
(Alfred Selacher)

Die „Grenzenlosen“ unter uns sind jedoch keineswegs automatisch freier – haben sie doch einfach ihre Grenzen nicht gesucht und verlieren sich in vielen, auch fremden, Territorien. Ihren Gegenübern bleibt häufig nichts anderes übrig, als sie auszugrenzen, denn sie kennen ja selbst keine Grenzen und damit auch keine Achtsamkeit anderen gegenüber.

Es geht also – wie bei allen Lebensthemen – wieder einmal um eine gesunde Balance der Grenzüberschreitung und Grenzziehung. Die zugrundeliegende Kompetenz ist die Achtsamkeit, die uns bewusst macht, wo welche Grenzen liegen und wie wir damit umzugehen haben, damit es uns – und auch den anderen – gut dabei geht.

„Wer nie über seine Grenzen geht, bleibt immer unter seinen Möglichkeiten.“
(Martin Knecht)

Grenzerfahrungen bringen uns immer weiter in unserem Leben, auch wenn wir meinen, darauf lieber verzichten zu können – denn sie sind eines nicht: bequem und einfach. Doch weil der Mensch es von sich aus meist vermeidet, werden uns unsere Grenzen schonungslos aufgezeigt, indem Zäune eingerissen werden, wenn die Entwicklung es verlangt. Dann sagen wir uns im geheimen – ‚Hätt ich ihn nur selbst überwunden… dann wär’s jetzt nicht so schmerzhaft.’

„Aber bedenke, dass jeder Menschenkraft ihre Grenzen gegeben sind. Wie viel Gegenstände bist du imstande so zu fassen, dass sie aus dir wieder neu hervorgeschaffen werden mögen? Das frag dich, geh vom Häuslichen aus und verbreite dich, so gut du kannst, über alle Welt.“
(Johann Wolfgang von Goethe)

Und das schöne auf der Suche nach neuen Horizonten ist, dass sich die Grenzen ständig verschieben…
…und siehe da – manche Grenzen werden zu Brücken!

Wann haben Sie zuletzt über Zäune geblickt oder sind sogar darüber hinweg geklettert?

Ihre
Cornelia Scala-Hausmann

  1. Hautnah

Mehr noch als die Buckelwale, die ich nur vom Boot aus erleben konnte, inspirierte mich der riesige Stingray, den ich für eine kleine Weile auf meinen Armen halten durfte… er ließ es sich vielleicht eine Minute lang gefallen, aber es war eine wunderschöne kleine Ewigkeit für mich, seine samtig weiche Haut und den darunter verborgenen starken Muskel zu spüren… seine Augen direkt vor den meinen zu sehen und seinen Stachel unter ihm zu wissen… er müsste es nicht dulden – aber er tat es. Und das war ein unglaubliches Geschenk… ich dachte daran, dass er frei ist und freiwillig hier ist… diese kurze Zeit erlaubte er mir, ein wenig von ihm zu erfahren, seine Kraft zu spüren, seine Wildheit… und einen kurzen Moment war ich wie er…

 

2.Hoch hinauf – tief hinunter – und hinüber…bis an die Spitze!

Als ich in Guatemala den Pacaya Vulkan bestieg, spürte ich zunächst und hörte dann auch ein tiefes WBUUUUMMMM… wbuuuUUUUM…. wbuuuUUUMM… in regelmäßigen Abständen… das Schnauben der Pferde neben mir hatte ich bald ausgeschlossen… und tatsächlich, der Berg atmete! …wie ein mächtiges Wesen schnaubte er in regelmäßigen Abständen Asche aus! Ich fühlte mich wie an einem direkten Draht zu unserer Erde, zum Herz unseres Planeten.

Ähnlich wie im Blue Hole in Belize, wo ich am Masttop oben, das kreisrunde Schwarzblau mitten im Atoll überblickte und die Zeit stehen bleiben ließ… oder wie bei der Überquerung der Devil’s Bridge in Antigua, die jeden Moment einstürzen kann… Was ist es, das mich zu diesen Erfahrungen zieht?

 

Ich denke, weil es mich immer wieder an meine eigene Kleinheit erinnert, mir Bewunderung für das Große schenkt und mich einen kurzen Moment lang in seine Hand begeben lässt. Das schafft eine Verbindung. Und gibt Ruhe. Und Kraft… für die Dinge im Leben, die einem Mut abverlangen.

Das bringt mich zu einer besonderen historischen Figur, deren Spirit mir in St. Martin an der Spitze der französischen Festung bewusst wurde. Ich spürte den Kampfgeist und die Unerschrockenheit vergangener Zeiten in mir… so musste sich Jean d’Arc gefühlt haben… welch mutiger Mensch sie gewesen sein muss! Wir alle kennen sie aus Büchern… aber können wir sie uns auch vorstellen…uns in sie hineinfühlen? Durch all diese Erlebnisse kann ich es einen kleinen Moment lang und ich weiß, wenn es drauf ankommt, kann ich es auch länger.

 

 

  1. Office@alleinaufeinerinsel.com

Barbuda… weit und breit keine Häuser… keine Boote… keine Menschen. Nur ein Sammelsurium an Treibgut… wie das Leben selbst? Sogar ein Schreibtischstuhl stand mutterseelenallein mitten am grünen Pflanzenteppich… welch ein Büro ist das hier? … braucht es mehr?

Hier ist das Worldwideweb der Sternenhimmel… das Archiv Treibgut… und der Schreibtisch ein riesiger Sandstrand…auf dem ich meine Spuren für einen kurzen Moment hinterlasse…

 

Spuren

Und so schau ich zurück, welche Spuren das vergangene Jahr in mir hinterlassen hat: Freiwillig gebe ich immer wieder meine Freiheit auf, um etwas zu schenken… Demut gegenüber dem, was größer ist als ich und der Mut, der darin verborgen ist… neue Verbindungen und ein virtuelles Büro, das das Leben mit all seinem Treibgut ordnet…

 

…so will ich das Neue Jahr beginnen.

Cornelia Scala-Hausmann

Hier in Guatemala sind die Menschen freundlich. Sie lachen und grüßen die Fremden, die da kommen … geben Auskunft, sind aber unaufdringlich. Ganz anders als die afrikanischen Kariben. Und ganz anders als die Österreicher.

Österreich ist tatsächlich das zweitunfreundlichste Land der Welt! Zumindest laut „Expat Insider 2017″. Nur Kuwait wurde in diesem Netzwerk „InterNations“ noch schlechter bewertet. Allerdings bietet die Alpenrepublik viele andere Vorteile, die durchaus geschätzt werden, wie Bildungssystem, Gesundheitswesen, Sicherheit etc.

Dennoch gibt es zu denken, oder nicht?

Das Gesetz der Zurückhaltung ist bestimmt, durch das Recht der Herzlichkeit durchbrochen zu werden.
(Albert Schweitzer)

Freundlichkeit wird ja häufig als Schwäche ausgelegt. Woher das auch immer kommen mag. Vermutlich von schwachen Menschen. Dabei wird sie häufig mit ängstlichem Dienlichsein verwechselt, wenn eine Abweisung nicht mehr funktioniert oder Manipulation im Spiel ist. Starke Menschen sind von freundlicher Gelassenheit, denn sie haben keine Angst.

Wer Freundlichkeit mit Schwäche verwechselt, hält fälschlicherweise Härte des Herzens für Stärke des Geistes.
(Andreas Bechstein)

Gegen Ende eines Kalenderjahres, wenn die Weihnachtszeit näher rückt, entdeckt man auch in unserem Land eine gewisse Zunahme an Freundlichkeit … ob es nun am Punsch liegt oder an der Grippe … in der kälteren Jahreszeit, wenn die Wärme von innen kommen muss, wird mehr gefeiert, es ändert sich die Stimmung … und damit die Gesinnung. Die Menschen werden „umgänglicher“ und übertragen neben Grippeviren auch freundliches Verhalten.

Freundlichkeit ist übertragbar.
(Maik Vierling)

„Wären Sie so freundlich…?“ Diese Floskel war früher gang und gäbe. Zumeist wurde der Satz nicht zu ende gesprochen, denn die Situation sprach für sich. Man bat um Hilfe … oder forderte zu etwas auf.

Vielleicht sollten wir diese Formel in Österreich wieder beleben? Anstelle zu schimpfen, wenn sich jemand abwendet: „Wären Sie so freundlich…?“ sagen, lächeln und warten, was passiert… das wäre doch ein netter Vorsatz für 2018!

Wenn wir irgendetwas unterschätzen in unserem Leben – dann ist es die Wirkung der Freundlichkeit.
(Marc Aurel)

Und wie bei allen Vorsätzen dauert es wohl ein wenig, bis sich Neues durchsetzt (vor allem bei Verhaltensänderungen). Aber je besser die Kommunikation, desto schneller geht’s, wie uns eine Statistik der Agenda Austria zeigt.

Dauerte es noch 68 Jahre bis 50 Millionen Menschen Flugzeuge genutzt haben, so waren es beim Internet nur noch 7 Jahre. Bei einer so geringen Investition wie ein „Lächeln“ könnten es sogar noch weniger werden!

Die Menschenfreundlichkeit duldet keinen Aufschub.
(Gregor von Nazianz, Patriarch Konstantinopel)

Und auf der Suche nach einem günstigen Weihnachtsgeschenk wäre das auch eine nette Alternative 😉 Denn ist es nicht besonders im Familienkreis das Schönste aller Geschenke? Ohne Freundlichkeit und Liebe verblasst das teuerste Geschenk… und liebenswürdige Worte bringen Augen oft mehr zum Strahlen als der schönste Weihnachtsbaum.

…und wer weiß, vielleicht entstehen dabei sogar neue Freunde und Gelegenheiten. Oft laufen wir gegen Wände und nichts scheint zu funktionieren. Doch dann, wenn sich eine Möglichkeit zu direktem freundlichen Austausch bietet, findet sich doch ein Weg.

Manche Türen im Leben lassen sich allein mit Freundlichkeit öffnen.
(Ernst Ferstl)

Wir erleben das häufig während des Reisens. Vor allem in gefährlicheren Gegenden, wenn uns Menschen argwöhnisch betrachtet oder sich uns genähert haben … Harald ging dann freundlich lachend direkt auf sie zu und fragte sie etwas … und sofort war das Eis gebrochen und die Situation entspannte sich …

Freundlichkeit in Worten schafft Vertrauen, Freundlichkeit im Denken schafft Tiefe. Freundlichkeit im Geben schafft Liebe.
(Laotse)

Entspannt wünsche ich Ihnen somit frohe Weihnachten und auf ein freundliches 2018!

Ihre
Cornelia Scala-Hausmann

Wann ist wohl der beste Zeitpunkt?

Für einen Wechsel?

Immer und niemals.

Vor wenigen Tagen haben wir wieder auf unser schwimmendes Zuhause gewechselt.

Schonwieder? …nun diese Frage stellt sich mir nicht… vielmehr sehe ich es als eine Lebensform, eine flexible Lebensart, die für Abwechslung sorgt. Für manche vielleicht zu ruhelos, für mich ein wandelbarer Lebensabschnitt.

 

Das Leben gehört dem Lebendigen an, und wer lebt, muss auf Wechsel gefasst sein.

(Johann Wolfgang von Goethe)

 

Der Wechsel – die Veränderung – der Wandel hält uns in Bewegung und damit beweglich und lebendig. Und ein Wechsel im Rhythmus der Jahreszeiten von Land zu Wasser, von Kontinent zu Kontinent sorgt immer wieder für Neuanpassungen.

 

Es ist nicht die stärkste Spezie die überlebt, auch nicht die intelligenteste, es ist diejenige, die sich am ehesten dem Wandel anpassen kann.

(Charles Darwin)

 

Es hat seinen Reiz, immer im Wechsel der Gegebenheiten zu leben, wenn sie frei gewählt sind. Es fühlt sich an, als wäre man immer am Weg. Oft ist der Weg ein äußerer Umstand, der vorhersehbar ist. Doch warum nicht selbst einen Weg schaffen, wo bisher keiner war… den keiner geht, keiner sieht und keiner kennt. Und diese Wege sind für mich die interessantesten 😉

 

Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.

(Franz Kafka)

 

Entweder wir finden einen Weg, oder wir machen einen.

(Hannibal)

 

Aber wir alle gehen diese Wege… auch Sie gehen Ihren Weg durch viele Wechsel hindurch.

Neue Wege verändern uns und so manches passt dann nicht mehr zu uns. Wir wechseln Arbeit, Wohnort oder Freunde… Sie meinen, das geschieht nur in Krisen? …es geschieht häufiger als wir glauben, wie wir aus diversen Studien erkennen.

 

So bleiben (sogar die bequemen) Österreicher selten länger als zwei Jahre in demselben Job. Statistik Austria zeigt uns, dass die große Mehrheit der berufstätigen Menschen binnen zwei Jahren entweder gekündigt oder freiwillig ihren Arbeitgeber wechseln. Nur 22 Prozent (!) waren nach zwei Jahren noch im selben Unternehmen. (2010-2012, instabile Jobs, wie Bau, Gastronomie, Ferial, Saison etc. wurden bereits ausgenommen)

Das betrifft nicht nur junge Leute! Auch 55 – 60-jährige hatten nur in 18 % der Fälle zwei Jahre später noch dieselbe Arbeit (sat, 15.12.2016, siehe Bild APA)

Es sind nicht die äußeren Umstände, die das Leben verändern, sondern die inneren Veränderungen, die sich im Leben äußern.

(Wilma Thomalla)

 

Wechsel ist ein fixer Bestandteil unseres Lebens. Partnerwechsel ist ebenso normal geworden wie ein Jobwechsel. Und wenn bei ersterem Kinder betroffen sind, kommt heute immer öfter das „Wechselmodell“ zum Tragen. Ein Modell, in dem Kinder nach einer Trennung ihrer Eltern gleich viel Zeit bei Mutter und Vater verbringen, was immer beliebter wird, sofern Eltern reif genug sind, konstruktiv und eigenverantwortlich zu kommunizieren (derzeit ca. 20%). Stefan Rücker vom deutschen Familienministerium sieht hier viele Chancen, Kindern einen guten Umgang mit wechselnden Lebensumständen beizubringen. (Die Zeit online, 19. Juni 2017)

 

Nur die Dümmsten und die Weisesten können sich nicht ändern.

(Konfuzius)

…wobei bei den Weisesten das Wort „können“ durch „brauchen“ ersetzbar wäre.

Alle anderen haben ein Leben lang damit zu tun… in jedem Bereich des Lebens. In unserer Sprache gibt es 897 Wörter, die „wechsel“ beinhalten… Wechselwirkung – Wechseljahre – Wechselkurs – Wechselkennzeichen – Spurwechsel – „Wechselhirn“? … ah… ein wirrer Kopf! (noch nie gehört…)

Im Prinzip lässt sich fast alles in der deutschen Sprache wechseln… Wild ebenso wie Tempo… Partner wie Reifen… Rollen wie Tapeten… Führung wie Personal… Seiten wie Parteien… Geld wie Stoff und Paradigmen wie Klima. Da kann schon mancher Wechselbeschwerden bekommen 😉

Wandel und Wechsel liebt, wer lebt.

(Richard Wagner)

 

Nichts in der Geschichte des Lebens ist beständiger als der Wandel.

(Charles Darwin)

Na und das bewirkt ja letztendlich auch unseren Fortschritt! So wir ihn nicht zu meiden versuchen. Wir sollten uns freuen, wenn unser Weltbild ins Wanken gerät, denn jede Veränderung bringt uns weiter – auch wenn wir es oft nicht glauben wollen oder meinen, das alte hat sich bewährt und sollte so bleiben, denn zu viel Veränderung könnte uns ja vielleicht ins Chaos stürzen.

 

Die Kunst des Fortschritts besteht darin, inmitten des Wechsels Ordnung zu wahren, inmitten der Ordnung den Wechsel aufrechtzuerhalten.

(Alfred North Whitehead)

 

Das ist einer meiner Lebensgrundsätze, egal was geschieht, ich schaffe darin eine gewisse Ordnung, die mir Handlungsspielraum gibt – und verändere andererseits stetig, was statisch zu werden droht. Ja, und wenn ich meine, es sei ein Fehler gewesen, dann kann ich meine Meinung auch wieder ändern. Zum Glück haben wir diese Wahl.

 

Es gehört oft mehr Mut dazu, seine Meinung zu ändern, als ihr treu zu bleiben.

(Friedrich Hebbel)

 

Letztlich ist es nur unsere Angst vor Misserfolg, der uns an einem Wandel hindert. Dabei schaffen manche eine regelrechte „Wechselblockade“. Und das größte Hindernis war Platon schon bekannt…

 

Ich kenne keinen sicheren Weg zum Erfolg, aber einen sicheren Weg zum Misserfolg: es allen Recht machen zu wollen.

(Platon)

Im Moment freu ich mich über den Wechsel, in dem ich mich gerade befinde. Trotz wechselhaftem Wetter und Politik über den Ozean nach Guatemala auf unser Schiff, das bisher von allen Wirbelstürmen verschont blieb…. weg von festem Boden unter den Füßen – hin zu schwankenden Brettern.

  

In einem wankenden Schiff fällt um, wer stillsteht und sich nicht bewegt.

(Ludwig Börne)

 

Man entdeckt keine neuen Erdteile, ohne den Mut zu haben, alte Küsten aus den Augen zu verlieren.

(André Gide)

Was uns hier wieder begegnen wird, lasse ich Sie im nächsten Newsletter wissen…und bis dahin wünsche ich Ihnen ein wechselhaftes, abwechslungsreiches, wandelbares Leben!

 

 

Ihre Cornelia Scala-Hausmann

Ein Sommer ist vorüber… und wieder waren auch die Monate an Land voll mit Ereignissen.

Krisen – neue Perspektiven – neue Erkenntnisse – neue Weichenstellungen …

 

So entstand im Zuge der Neuzertifizierung im Qualitätsmanagements des IFZs eine neue Idee… eine Idee, die sich aus meinem bestehenden Leben ablesen ließ und mich mit der Nase darauf stieß…

 

Freundschaft braucht gewisse Lebensparallelen und eine Gemeinsamkeit der Gedanken.

(Henry Adams)

 

Dass wir im IFZ eine innovative Arbeitsform leben, war für die Prüferin des QM ein bemerkenswerter USP. Dass wir – Harald Schellander und ich – eine Arbeitsform gefunden haben, die uns beide frei sein lässt, das eigene tun zu können und dennoch sich gegenseitig zu unterstützen – ist etwas ungewöhnliches, das nicht so oft vorzukommen scheint – vor allem in firmlichen Rahmen.

Mehr als ein halbes Jahr auf einem Boot unterwegs zu sein während der andere in Österreich bleibt und trotzdem verbunden zu bleiben, ist eine Kunst, die wir mittlerweile gut beherrschen.

Für uns ist das die adäquate Arbeitsform zweier Freigeister, die progressiv immer Neues erfinden und damit die Gesellschaft bereichern wollen. Schenkt man der Zukunftsforschung Glauben, so sind wir bereits da angekommen, wo der Trend hingehen soll 😉

 

Zwischen Welt und Einsamkeit ist das rechte Leben.

Nicht zu nah und nicht zu weit will ich mich begeben.

(Friedrich Rückert)

 

Aber nicht nur die Arbeit ist Teil eines Lebens – obwohl ich schon lange keine Trennung zwischen „Work and Life“ mehr mache, sondern „Lebensunternehmertum“ lebe – auch die Partnerschaft meiner Beziehung verändert sich stetig und ein Seitenblick in die Trendforschung zeigt… auch hier ist Freiheit und Selbstbestimmung ein wichtiger Faktor, der jedoch Geborgenheit nicht ausschließen muss.

 

Liebe ist gemeinsame Freude an der wechselseitigen Unvollkommenheit.

(Ludwig Börne)

 

Mit einem Partner rund um die Uhr auf einem Segelboot unterwegs zu sein, ist für viele grad einmal zwei Wochen aushaltbar. Harald Klärner und ich haben bereits 17 Monate durchgehalten und die angenehmen wie unangenehmen Seiten hautnah erfahren dürfen. Und man glaubt es kaum… wir haben noch immer nicht genug davon!

Im Oktober geht es wieder auf Reisen… diesmal von Guatemala die Küsten Mittelamerikas entlang. Doch diesmal wollen wir die Zeit an Bord hauptsächlich zum Aufarbeiten vergangener Erlebnisse nutzen und uns an eine Schreib- und Vortragsarbeit machen… also weniger im Außen und mehr im Inneren sein. Die besonderen Herausforderungen an eine Partnerschaft an Bord werden dabei eines der Themen sein 😉

 

Gemeinsame geistige Tätigkeit verbindet enger als das Band der Ehe.
(Marie von Ebner-Eschenbach)

 

Seit 16 Jahren in einer Beziehung…

Heirat?

…kein Thema …wir sind beide schon geschieden 😉

 

Was sagt die Gesellschaft dazu?

In Großstätten scheidet sich jede zweite Ehe.

Schlecht?

Nicht unbedingt.

 

Du und ich ergeben nicht immer wir.

(Walter Ludin) 

 

Psychologen wissen, dass es nicht die Scheidung an sich ist, die die Psyche der Kinder schädigt – sondern die Art und Weise, wie Eltern mit einer Scheidung zurecht kommen. Sobald Erwachsene mit Scheidungen adäquat umgehen können (keine Schuldzuweisungen aufoktroyieren und sich selbstreflektiert und konstruktiv verhalten) lernen Kinder durch die Trennung der Eltern, sich mit wechselnden Familienformen zu arrangieren und dass ein glückliches Leben auch außerhalb von Zweierbeziehungen möglich ist. Sie erhöhen sozusagen ihre soziale Adaptivität. (zukunftsinstitut.de)

 

Nichts entfernt zwei innerlich wenig verwandte Menschen mehr voneinander als das Zusammenleben. (Marie von Ebner-Eschenbach)

 

Nun wird aber Individualisierung als Megatrend gemeinhin als Tendenz zu antisozialen Werten wie Egoismus beklagt, weil das „Ich“ zu stark im Vordergrund stehe. Und das wird wiederum auch als Erklärung für die hohen Scheidungszahlen genannt. Heute will wohl keiner mehr aus reinen Zweckgründen zusammen bleiben, wie es früher Usus war. Und mit den finanziellen Unabhängigkeiten wachsen auch die Ansprüche an eine Beziehung. Das ist für Romantiker durchaus begrüßenswert, denn die Romantik wächst mit der Distanz und hat sich schnell erledigt, wenn die Kompromissanforderungen zu hoch werden.

 

Die Beschränkung der freien Entfaltung ist der Preis der Zweisamkeit.

(Erwin Koch)

 

Auch die zunehmende „Single-Gesellschaft“ gilt als negativer Aspekt der Individualisierung. Statistiken scheinen eine deutliche Sprache zu sprechen. Gab es im Jahr 1986 rund 779.000 Einpersonenhaushalte in Österreich, so waren es 30 Jahre später 1.429.000. Der Anteil der Alleinlebenden an der Bevölkerung in Privathaushalten erhöhte sich im selben Zeitraum von zehn auf 17 Prozent. In Städten mit mehr als 500.000 Einwohnern lebt jeder Dritte in einem Einpersonenhaushalt. (Statistik Austria 2016)

Was die Statistiken jedoch nicht aussagen können: Leben die Menschen tatsächlich als Singles oder handelt es sich um Paare, die lediglich in zwei Wohnungen wohnen? Zudem bedeutet die Tatsache, dass 17 Prozent in Einpersonenhaushalten leben, auch, dass 83 Prozent in Mehrpersonenhaushalten leben. So gesehen relativiert sich der viel gebrauchte Begriff von der „Single-Gesellschaft“ auch schnell wieder.

Der Adler fliegt allein, der Rabe scharenweise. Gesellschaft braucht der Tor und Einsamkeit der Weise. (Friedrich Rückert)

 

Aber die Werte?

Verlieren tatsächlich Gemeinschaftswerte zu Lasten von Individualwerten an Bedeutung?

Von der Versicherung Heidelberger Leben wurden junge Menschen zwischen 16 und 35 Jahren in einer Umfrage zu ihren Lebenszielen befragt. Gleich an zweiter Stelle nach dem obersten Ziel, „gesund zu sein“ (93%) folgt mit 90 Prozent die Nennung: „Unabhängigkeit, sein Leben selbst gestalten zu können“. An dritter Stelle steht mit 89 Prozent „Gute Freunde zu haben“. Und für 84 Prozent ist es besonders wichtig und erstrebenswert, „für die Familie da zu sein“. Nach wie vor ist es für junge Menschen ein erklärtes Lebensziel, eine Familie zu gründen. Die überwiegende Mehrheit der jungen Frauen und Männer (70 Prozent) geht davon aus, mehr als ein Kind zu haben. So zeigt sich auch in anderen Umfragen, dass die zunehmende Wichtigkeit von individualistischen Werten nicht im Widerspruch zu Gemeinwerten steht… es scheint sogar eher das Gegenteil der Fall zu sein!

 

Der Wunsch nach Individualität stärkt also den Gemeinsinn?
Das klingt paradox – ist es aber nicht.

Das Konzept des „Integrierten Individualismus“ beschreibt: Je individualistischer der Lebensentwurf, desto mehr ist man auf die Unterstützung von Menschen angewiesen, die nicht unmittelbar zum familiären Umfeld gehören, das man „sowieso zur Geburt“ bekommt. Vieles unserer persönlichen Ziele lassen sich nicht ohne die Unterstützung anderer realisieren. Und vieles, um das sich früher der Staat gekümmert hat, geht stärker in die Verantwortung des Einzelnen über. Auf staatliche Systeme als verlässliche Sicherungsinstanz vertraut nicht einmal mehr jeder Zehnte im Alter zwischen 16 und 35 Jahren! (zukunftsinstitut.de)

Auch der kleinste gemeinsame Nenner hat ein gewisses Entwicklungspotenzial.
(Ernst Ferstl)

 

Insofern werden auch in einer individualisierten Welt gewisse Bindungsmuster gelebt. Das schlägt sich auch firmenbücherlich nieder. Der enorme Anstieg der Genossenschaften ist ein stichhaltiger Beleg dafür, wie eine hochindividualisierte Gesellschaft neue Unterstützungs- und Gemeinschaftsformen herausbildet, in denen sich Menschen ihren individuellen Lebensentwurf zu bezahlbaren Preisen realisieren. Das bezieht sich auch und vor allem auf Wohnräume als drittwichtiger Teil eines selbstbestimmten Lebens.

Der eine geht zum Nächsten, weil er sich sucht, und der andre, weil er sich verlieren möchte.

(Friedrich Nietzsche)

 

Als Individualistin habe ich auch hier immer auf Eigenraum gesetzt. In Zeiten der Patchworkfamilien ist es wichtig, hier klare Grenzen zu ziehen, die es dann umso freudvoller zu überschreiten gilt ;-). Ganz im Trend des neuen Wohnens entsteht gerade ein Wohnprojekt in Pörtschach, das sich voll und ganz auf die zeitgemäßen Bedürfnisse einstellt: Das „Projekt ARTEMIS – Öko-Tinyhouse-Wohnprojekt in Pörtschach am Wörthersee“ (ß name mit link unterlegen: http://www.lascala.cc/projekt-artemis_57,0,0,0,0,de_s_1_-/)

So wurde mir bewusst, dass alle Lebensbereiche parallel in ein Spannungsfeld zwischen Gemeinsamkeit und Einsamkeit zusammenlaufen und wie wichtig beides gleichermaßen ist.

Individualität wurde im Laufe der menschlichen Entwicklung immer wichtiger. Offenbar liegt es im existenziellen Wesen des Menschen, nach Autonomie und Freiheit zu streben. Die Geschichte des Menschen ist daher auch eine Geschichte, von außen auferlegte Grenzen und Fesseln zu sprengen, um (glücklicher) in Freiheit und Selbstverantwortung leben zu können.

Ganz er selbst sein darf jeder nur, solange er allein ist. Wer also nicht die Einsamkeit liebt, der liebt auch nicht die Freiheit; denn nur, wann man allein ist, ist man frei.

(Arthur Schopenhauer)

 

Und so entstand die Idee, im Rahmen des IFZ sich diesem Thema der „Neuen individuellen Gemeinsamkeit in Arbeit, partnerschaftlicher Beziehung und Wohnraum verstärkt zu widmen.

 

Die Einsamkeit macht uns härter gegen uns und sehnsüchtiger gegen die Menschen: In beiden verbessert sie den Charakter.

(Friedrich Nietzsche)

 

Schließlich gäbe es noch die politische Dimension, in der das „Wir“ seine Stärken und

in unreflektierter Form auch seine negativen Aspekte hat, die Ursula Baatz in ihrem Essai „Die Schatten des Wir“ wunderbar darstellt. Nach Erläuterung diverser psychologischer Versuche und politischer Kampagnen kommt sie zu dem Schluss: Die politische Macht des »Wir« ist unbestreitbar, aber gerade deswegen ist sie hochgradig problematisch. Denn der Klebstoff, der das »Wir« zusammenschweißt, ist weitgehend reflexionsresistent und das macht das »Wir« zu einer gefährlichen Macht. Denn das »Wir« mag von sich aus weder Vielfalt noch Diversität, ebenso wenig Reflexion und den Bezug auf Fakten. Nur wenn sich Gegenstimmen mit Nachdruck erheben, so zeigte das Experiment von Asch, löst sich der Konformitätskleber und es kann Beziehung und Kommunikation geben. Das zu bewirken und zu verstetigen ist die Aufgabe demokratischer Politik.

…und das ist Thema täglicher Nachrichten.

Hoffnung beginnt mit einem »Du«. Wenn es ein »Wir« gibt, beginnt eine Revolution.(Papst Franziskus)

 

Somit freu ich mich auf möglichst viele Begegnungen mit möglichst verschiedenen Individuen und gehe meinen Weg des kreativen Individualismus’ weiter… in beruflicher, partnerschaftlicher und wohnlicher Hinsicht 😉

 

…und als Individuum einer Gesellschaft auch in politischer Hinsicht.

 

Gemeinsamkeiten sucht man nicht, Gemeinsamkeiten schafft man sich. (Manfred Hinrich)

 

Kein Mensch ist eine Insel.
…aber wir brauchen alle hin und wieder eine.

 

Ihre

Cornelia Scala-Hausmann

 

 

„Die wahre menschliche Weisheit ist es, sich des Nichtwissens bewusst zu sein…“

 

Sokrates ist auch heute noch dafür bekannt, dass er sein Wissen immer hinterfragt und darauf hingewiesen hat, dass Wissen oft ein beweisloses Für-selbstverständlich-halten sei. Gesichertes Wissen finde man, seiner Meinung nach, bei Menschen generell nicht…

Je mehr man schon weiß, desto mehr hat man noch zu lernen. Mit dem Wissen nimmt das Nichtwissen im gleichen Grade zu oder vielmehr das Wissen des Nichtwissens. (Friedrich Schlegel)

Meine letzte Lebenspost brachte mich noch auf einen anderen Gedanken, der in unsere heutige Zeit passt: Wer es nicht besser weiß, kann es nicht besser machen. Wer es besser weiß, könnte manches besser machen. Doch heute wissen wir schon so einiges, machen es aber nicht! …Weil wir nicht daran glauben.

Es gilt nicht mehr der Satz: Denn sie wissen nicht, was sie tun. Heute muss es heißen: Sie tun nicht, was sie wissen. (Robert Jungk)

Ich finde es faszinierend, dass wir von unseren heutigen Wissenschaftlern viele Informationen erhalten, aber dennoch so leben, als gäbe es dieses Wissen nicht. Nicht selten finde ich in Gesprächen immer wieder die Aussagen „Ja, das ist zwar wissenschaftlich bewiesen, aber wer kann denn das schon umsetzen!“ Wir wollen nicht wahrhaben, dass uns gewisse Erkenntnisse eigentlich dazu zwingen würden, unser Weltbild und damit unseren Lebensstil zu verändern. Also verdrängen wir es. Wir glauben es einfach nicht, weil es nicht in unser Weltbild passt.

Dumm ist nicht, wer nichts weiß, sondern wer glaubt, er würde schon genug wissen. (Thomas Möginger)

Wonach handelt aber ein Mensch? Er handelt nach seinen Glaubenssätzen. Auch wenn er es besser wüsste… weil er die Dinge und die daraus folgenden Konsequenzen nicht zu Ende denkt. Also sind wir so klug wie nie zuvor und doch zu dumm, es umzusetzen?

Unser Wissen ist das Resultat unserer Erfahrungen. Unsere Erfahrungen sind das Resultat unserer Dummheit. (Sasha Guitry)

Hier ein paar Beispiele, die doch unser Handeln im Alltag bestimmen:

  • Wir wissen, dass Materie nicht fest ist, sondern eigentlich aus kleinen, schwingenden Teilchen besteht, die noch dazu mental beeinflusst werden. Aber glauben wir daran?
  • Wir wissen, dass wir mit unserer Art der globalen Weltpolitik und Weltwirtschaft den Ast absägen, auf dem wir sitzen… aber glauben wir daran?
  • Wir wissen, dass wir bei wiederholten Genuss von Suchtmitteln und synthetischen Nahrungsmitteln (denn Lebensmittel kann man diese Stoffe nicht nennen) unsere Gesundheit ruinieren… aber glauben wir daran?
  • Wir wissen, dass wir bei Unterlassung bestimmter Handlungen bald eine Rechnung zu begleichen haben, deren Summe unsere Möglichkeiten bei weitem übersteigt…
  • Wir wissen, dass wir unsere Erde, und damit uns selbst, zugrunde richten… …aber glauben wir daran?

Wir wissen so vieles und wenn uns jemand darauf aufmerksam macht… lächeln wir verlegen und meinen „Jaaa, ich weiß… aber das darf man nicht so eng sehen…“ oder: „Was soll ich als einzelner denn dagegen schon machen…!“

Die Wissenden reden nicht viel. Die Redenden wissen nicht viel. (Aus China)
Die Weisen handeln (im besten Glauben und Wissen um ihr Nichtwissen).

Der Mensch ist schon ein seltsames Wesen. Irgendwie hat sich die Aussage von Sokrates umgekehrt in unserer Zeit. Wir wissen mehr als wir glauben… glauben aber nicht, was wir wissen!

Die Zeit wird kommen, wo unsere Nachkommen sich wundern, dass wir so offenbare Dinge nicht gewusst haben. (Seneca)

Je mehr ich auf dieser Welt sehe und erfahre, desto mehr weiß ich. Und muss immer mehr glauben… glauben an die Lösungen unserer Probleme auf dieser Welt – oder mit Platon’s Worten: an das Gute, Schöne und Wahre.

Und danach handle ich. Und damit verändere ich diese Welt. Im Kleinen. Und damit im Großen… immer wieder. Denn an manches glaube ich nicht mehr… dass wir mit alten Lösungen neue Probleme lösen können… dass wir mit unseren bisherigen Denkmustern weiter kommen… und dass wir noch lange so tun können, als ginge uns der Rest der Welt nichts an.

Jeder Mensch hat ein Brett vor dem Kopf – es kommt nur auf die Entfernung an. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Die Intellektuellen unter uns machen es ganz gewieft. Sie widerlegen das, was sie nicht wissen wollen, glauben an das, was sie wissen wollen und stellen letzteres zugleich als bewiesen hin.

Wissen schafft auch die Erkenntnis, dass letztlich alle Wissenschaft auf Glaubenssätzen fußt. (Thom Renzie)

Mit diesen Überlegungen finde ich den Ausspruch von Sokrates keinesfalls paradox. Sondern äußerst logisch. Ich weiß, dass ich nicht weiß… dass ich glaube, zu wissen… dass ich nicht immer glaube, was ich weiß.

Um sein Nichtwissen zu wissen ist das Höchste. Um sein Wissen nicht zu wissen, ist krankhaft. (Laotse)

 

Was glauben Sie nicht, obwohl Sie es wissen?

Der Kluge weiß von seiner Dummheit, der Dumme nicht. (Julian Nasiri)

 

Ihre

Cornelia Scala-Hausmann

Ich verstehe nur zu gut, wenn Ihnen nicht mehr zum lachen ist… auch in Belize und Guatemala bekommen wir einigermaßen die wichtigsten Eckdaten der Weltgeschichte mit. Belize ist eines meiner Lieblingsdestinationen geworden… archäologische Tempelstätten ober und wunderschöne Landschaften unter Wasser. Hier begegnete ich meinem ersten Hai, meinem ersten Adlerrochen… beide majestätisch dahingleitend… als ob Ihnen nichts etwas anhaben könnte.

Ob die noch was zu lachen haben? Ich weiß, Tiere lachen nicht… aber sinnbildlich darf ich diese Formulierung nutzen. Der größte Teil der Küste von Belize ist durch ein großes Barrier Reef geschützt… nach dem australischen das zweitgrößte der Welt. Innerhalb gibt es kaum noch Fische. Wenige Fischer oder Segler halten sich an die Schutzzeiten der diversen Arten. Jeder sieht nur seinen eigenen, kleinen Raub an der Natur und meint, es fiele nicht ins Gewicht.

An der Außenseite des Riffs geht es hunderte Meter in die Tiefe… hier kann man noch Walhaie beobachten, die zu Vollmond an die Wasseroberfläche kommen. Das Riff schützt das Land vor Welle und Sturmflut, nur an wenigen Durchgängen strömt das Karibische Meer hinein… an so einem Durchgang waren wir tauchen und hier begegnete ich dem Lächeln der zivilisierten Welt…

…ich traute meinen Augen kaum… wir waren an dem Ort, wo es das klarste Wasser geben soll… ich konnte deutlich die herrlichen Fächer-, Baum- und Hirnkorallen betrachten, die Rifffische, die hier noch leben, die Quallen, die leider mehr werden… und… ein Smiley, das mir in blau entgegen lächelt!!!

„Muchos Gracias“ steht darüber… und es schwimmt ca. einem Meter unter der Wasseroberfläche, umgeben von diversen Plastikteilen, zerfetzt von Schiffsschrauben… sie streifen an meinen Haaren und Gesicht, wenn ich durchschwimme.

Worüber die jetzige Welt lächelt, lächelt deswegen die Nachwelt noch nicht… (Georg Christoph Lichtenberg, Physiker)

Vom Boot aus sieht man das alles nicht. Aus der Perspektive sieht das Wasser glasklar aus. Nur von unten erkennt man, was knapp unter der Oberfläche verborgen ist. Auch das auflandige Ufer der kleinen Insel, auf der ein Seeadler sein Nest hat, ist voll von Plastikmüll, den es immer wieder anschwemmt… der wahre Eroberer des Paradieses.

Es ist leichter zu lächeln, als zu erklären warum man weint. (Unbekannt)

 

Vor kurzem bin ich wieder einmal über das Venusprojekt (Name mit link hinterlegen https://www.thevenusproject.com) von Jaques Fresco (Name mit link hinterlegen https://de.wikipedia.org/wiki/Jacque_Fresco) gestolpert. Dieser hochgradige Forscher und Entwickler aus der USA forciert eine Ressourcen- statt Geldwirtschaft, zeigt Modelle auf, wie es ohne Geld gehen könnte… doch die Menschen sind nicht bereit dazu. Steht es doch im krassen Gegensatz zu allem bisher Gelernten und damit jenseits der Vorstellungskraft von Vielen.

„In unserer Zukunft müssen wir einen Weg beschreiten, der unserer Umwelt, sowie alles existierende Leben auf der Erde schützt. Der wichtigste und zentralste Aspekt des Venus Projects ist der Übergang aus einem monetären System (Finanz- und Geldsystem) in eine auf Ressourcen basierende Wirtschaftsoptimierung unter maximaler Anwendung von bei Güterproduktion angewendeter Automation, sowie derer computergestützten Entscheidungsfindung.

Wir fordern eine komplette Neugestaltung unserer Kultur, in der uralte Unzulänglichkeiten wie Kriege, Armut, Hunger, Schulden und unnötiges menschliches Leid nicht nur als vermeidbar, sondern als völlig inakzeptabel angesehen werden“ (Jacque Fresco)

Was wäre die Welt ohne Geld?…ohne Gier?

…sie wäre nicht diese Welt.

Und wir?

Wir wissen, was auf uns zukommt. Aber glauben wir daran? …

…wir lächeln.

Und manches Lächeln lächelt da zumeist, wo des Gewissens Qual die Brust zerreißt. (Lord George Gordon Noel Byron)

 

In diesem Moment kommt mir der berühmte Satz von Sokrates in den Sinn… „Je mehr ich weiß, desto mehr weiß ich, dass ich nicht weiß“, der auch im Sinne von „Je mehr ich weiß, desto mehr muss ich glauben“ verstanden werden kann. Und plötzlich bekommt er für mich eine völlig neue Dimension… für Sie auch?

…doch davon mehr im nächsten Newsletter…

 

Muchos gracias,

Ihre

Cornelia Scala-Hausmann